Google-Firmenkultur in Deutschland möglich?

Mario Fischer fragt, ob eine Firmenkultur, wie sie von Google in Mountain View, California, USA, oder auch in der Schweiz/Zürich ausgelebt wird, in Deutschland möglich wäre…

Welche Firmenkultur?

Dazu erstmal dieses Video

und dieses Video zur Ergänzung.

Kurzfassung der Firmenkultur

Google hat als Firmenphilosophie, die Mitarbeiter sehr viel Freiheiten haben. Sie erhalten beispielsweise kostenloses Essen, haben flexible Arbeitszeiten, haben circa 20% ihrer Arbeitszeit zur freien Verwendung, bei der es sich nicht um Google-bezogene Projekte handeln muss…

Kann so etwas in Deutschland funktionieren?

Aufgrund meiner Erfahrungen in der Arbeitswelt habe ich erfahren, dass es funktionieren kann, beziehungsweise konnte, bevor Manager und sonstige Zahlen orientierte Menschen/BWLer über die Informatik-Branche herfielen. Beispielsweise konnte ich während meiner Ausbildung in einer Firma arbeiten, in der es kostenlos Kaffee/Tee/Kakao/Limonade/Cola/Wasser für die Mitarbeiter zur freien Verfügung gab… Hierarchien? – Hatten wir quasi nicht. Wir waren eine Firma der radfahrenden (die meisten Personen waren aus der Stadt, in der die Firma ansässig war, und fuhren mit dem Rad zur Arbeit) , querdenkenden, kreativen Jeansträger. Geschäftsführer und Projektmanager bei Kundenbesuchen mal ausgenommen.

In der Firma standen überall Pflanzen herum, die Wände der Büros waren öfters mit Poster beklebt, die die Mitarbeiter von zuhause mitgebrachten, man traf sich während der Arbeitszeiten regelmäßig in der Küche, wo es auch einen Kicker gab, der insbesondere von der Research&Development-Abteilung häufiger frequentiert wurde. Man kann sagen, dass die Küche der Ort war, an dem die meisten Ideen entstanden sind, oder besprochen wurden. Man hatte durch diesen etwas eigenartigen Meeting-Raum die Gelegenheit mal abzuschalten, Kontakte zu den Kollegen zu knüpfen und zu pflegen, oder eben wie bereits erwähnt, Dinge/Projekte/Ideen zu besprechen.

Die Büros wurden zu mehreren geteilt, die Türen standen meistens auf und es herrschte mitunter ein fröhliches kommen und gehen. Man saß auch mal im Büro und redete über private Erlebnisse, beispielsweise darüber, dass $kollege im Urlaub Fallschirmspringen war, oder dass er früher während der Semesterferien mit dem Interrail-Ticket quer durch Europa gefahren ist, dass man das vergangene Wochenende in Berlin abhing und mit ‘nem Rucksack voller Bücher wiederkam, etc. In den Büros hingen Whiteboards herum, in Besprechungsräumen waren Beamer, Whiteboards (noch größer), Flipcharts etc. angebracht, Stift und Papier flogen eigentlich auch nahezu überall herum – man konnte also durch die Firma laufen, und konnte so nahezu überall seinen Ideen freien Lauf lassen, diese ausarbeiten, und niederschreiben, visualisieren. Die Server/Testserver waren auf dem neuesten Stand der Technik, die Entwicklermaschinen wurden auch so aktuell wie möglich gehalten. Man konnte kommen und gehen wann man wollte (arbeitszeitmäßig), konnte während der Arbeit Musik hören, konnte in Jeans, T-Shirt, Turnschuhen herumlaufen (ok, unsere Projektmenschen nur, wenn kein Kunde in Sicht war), konnte sich Pizza oder sonstwas ins Büro bestellen…

Nicht nur durch solche public places, sondern auch durch andere Aktionen, die während meiner Ausbildung teilweise stattfanden, vor allem im ersten halben Jahr, wurde das Betriebsklima und die Produktivität/Kreativität der Mitarbeiter gefördert. So standen beispielsweise auch Betriebsausflüge im Programm, bei denen man internationale Metropolen als mögliches Ausflugsziel hatte.

Freien Eintritt zu Messen etc. erhielten wir “foobarians” (ersetze: foobar mit $firmenname) auch, teilweise auch Schulungsmaßnahmen, oder zum besseren Zusammenhalt im Team beispielsweise Grill-, Weihnachtsfeiern etc. TV konnten wir auch öfters gucken, beispielsweise konnte man gesammelt – teilweise wurde Bier von der Geschäftsleitung gesponsored – die Fußball-Weltmeisterschaft 2002 im TV verfolgen. Live mitbekommen haben wir auch, als am 11. 09. 2001 die Flugzeuge in das World Trade Center (WTC) geflogen sind. Zuerst lief es über die Nachrichtenmeldungen, die über unser System über den Äther übertragen wurden – wenige Sekunden später fand sich die halbe Belegschaft in den Gängen und stürzte zum Meetingraum, wo CNN übertrug…

Ach ja, die Belegschaft: wir hatten im Entwicklungsteam Mathematiker, Ingenieure, Physiker, Maschinenbauer, Informatiker,… aus aller Welt – kurz: ein junges, internationales, kreatives Team mit viel Gehirn zwischen den Ohren. Wir konnten auf unserem Gebiet die Welt ein Stück verändern, wir gehörten zu den Top-3-Firmen auf internationaler Ebene in dem Bereich, auf dem wir unser System verkauften. V.a. waren die meisten Leute von uns auch außerhalb der Arbeit befreundet – man ging nach der Arbeit in die nächste Kneipe, trank ein Bier, Kaffee, was das Herz begehrte, ging zusammenm auf das Oktoberfest, zum Tollwoodfestival, Eis essen, in die Kantine… Es war egal, welche Hautfarbe jemand hatte, woher er kam, welche Religion er hatte, … – wir lebten in einer besonderen Welt, waren besondere Leute – und liebten unseren Job, unsere Arbeit, unsere Einstellung – ich würde fast soweit gehen zu sagen: wir lebten einen komplett anderen Lifestyle, als die gesamte restliche Welt um uns herum.

Tja, ich spreche in der Vergangenheit. Zeitraum (in dem ich es miterlebt habe): 2000 – 2. Quartal 2002 in etwa… Danach hatten wir einen anderen Investor. Die Bürokratie kehrte ein. Hierarchien wurden aufgezogen. Das Betriebsklima wurde furchtbar, auch, weil viele Leute von uns gegangen wurden – oder freiwillig gingen, weil “unsere Welt” zerbrach… Überstunden wurden – ohne Freizeit-/Lohnausgleich – gefordert, und nichtmal wenige davon. 60 – 80 Wochenstunden wurden Normalität, bei einem 40h-Vertrag. Urlaubssperren wurden verhängt. Stundenlange Meetings mit trockenen Geschäftszahlen wurden uns aufs Auge gedrückt. Unser Produkt wurde eingestampft. Wir mussten Routinearbeiten erledigen. Kurz: als der Schlippsträger Einzug hielt, ging die geile Zeit vorbei. Und ich vermisse sie. Immer noch. Jahre danach.

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Kommentare

  1. marcel

    tjoa, kommt mir bekannt vor…. habe das auch in einer mittelgrossen softwarefirma erlebt…. da war es aber einfach die schiere groesse, die, so glaubten die manager, mehr hierarchien forderte….

    bin jetzt bei einer firma mit

    irgendwie ist die commentfunktion karpot, oder ich bin zu doof
    ausserdem hab ich hier ein schriftenproblem (firefox, neuester) links und kommentare sind zu gross, der rest zu klein… args..

  2. Also bei mir in der Firma laeuft das auch alles ziemlich relaxed ab.

    Mein Geldgeber hat in den Bueroraeumen Hotel-aehnlich eingerichtete Zimmer (Einzel/Doppel mit Bettkasten, Schraenke, Arbeitstisch).
    Eine Mitarbeiterin die echt _weit_ pendelt (500 km, Wochenendpendlerin) hat sogar zwei Zimmer als Wohnung bekommen.
    Duschen stehen bereit; sowie Waschmaschine und Trockner Um die Ecke ist S-Bahn, Baecker und Schwimmhalle.

    Bei $Kunde stehen ein Billardtisch und ein Kicker rum. Duschen werden gerade gebaut.
    Sollte Abends/Wochenende gearbeitet werden muessen kann man sich Pizza bringen lassen und im 3* Hotel nebenan uebernachten. Beides wird von $Kunde getragen.

    Kann mich also nicht beschweren :-)

  3. Ich denke, sowas kann man nur bei ganz jungen Unternehmen machen, die gerade im Entstehen sind. In eine bestehende Firmenkultur bringt man das nicht rein. Meist hat man dazu auch nicht die richtigen Mitarbeiter. Nicht selten seilen die sich bei mehr Freiheiten ab….
    Schlimm ist es aber, wenn wie oben beschrieben, Bürokratie eingeführt wird. Eine gewisse Ordnung ab einer bestimmten Größe muss ja sein – aber wenn die Kultur geschockt wird – dann gehen die GUTEN ganz schnell wo anderes hin und die Minderleister halten sich gaaaanz fest am eigenen Stuhl…

  4. petschge

    Die Freiheiten erinnern mich so bisschen an die Uni. Und ja wenn man so ein Team “einsperren” will, bleiben ganz schnell nur noch die die nix besseres finden. Aber irgendwie verstehen Schlipse das nicht.

  5. owl Autor

    Ja, oder die, die nicht umziehen wollen (aus welchen Gründen auch immer) und sich durchkämpfen. Oder Leute, die viel Herzblut in die Firma und die Produkte gesteckt haben und sich immer noch der Firma etc. zugehörig fühlen, und nicht die Hoffnung auf Besserung etc. aufgeben wollen…

    Letzteres war ja bei mir der Fall (mal abgesehen davon, dass ich auch noch meine Ausbildung zu Ende machen wollte) – ich habe meinen Job geliebt, auch wenn ich viel zu viel gearbeitet habe, v.a. in Anbetracht meines Alters und meines Jobs (Ausbildung halt) in der Firma. Dennoch, zu dem Zeitpunkt war es “das Richtige”[tm], und auch heute, fast 10 Jahre danach, fühle ich mich irgendwo noch ein Stück weit mit dieser Firma und der Firmenkultur verbunden, auch wenn damals vieles schief lief. Ich habe ein Stück von mir an diese Firma verkauft/verschenkt. Es war nicht nur ein Job, es war (m)ein Traum, (m)eine eigene Welt, (m)ein Leben – ich war ein Stück weit (vermutlich ein sehr großes Stück weit) mit dem Job und der Firma verheiratet – egal, was vorgefallen ist. Und Trennungen sind scheiße/schmerzhaft ;-)

    Falls ich mich von meinem aktuellen Arbeitgeber je trennen sollte, oder er sich von mir, dann würde es mir auch nicht wesentlich anders gehen, als mit der Münchener Firma, mit dem Unterschied, dass ich meinen aktuellen AG als deutlich weniger dramatisch und positiver in Erinnerung behalten werde/würde – aber auch als weniger “intensiv” ((Kunststück!) Was in *dem* Fall aber eindeutig gesünder ist: keine 60-80h arbeiten, viel zu wenig Schlaf etc sind auf Dauer einfach ungesund – das ist hier in Würzburg ja zum Glück anders) ;-)

    Ich glaube, ich bin einfach ein bisschen ein Typ, der ein Stück seine Seele verkauft, äh, sein Herzblut einsetzt, äh, an ‘ner Firma hängt, äh, mit der Arbeit verheiratet ist – irgendwie so. :D

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